Samstag, 23. März 2019

Samstag


Mein Junge, der schon kurz nach der Geburt fast kein Leben mehr gehabt hätte, später dann von Außenstehenden keine Chance bekommen sollte, weil er ein Spätzünder war, der Junge, der auf dem Fußballplatz stand, und sich nicht mehr rührte, weil das Leibchen zu lang war, und die Väter auf ihren Sitzen schrien:“ Nehmt den Behinderten vom Platz!“, der Junge, mit dem ich fünf Jahre lang zur Therapie fuhr, der Angst vor Katzenbabys hatte, unendliche Gespräche mit Lehrern führte, weil sie ihm die Chance verwehren wollten. Der Junge, der sich niemals prügelte, dafür aber Türen mit Fußballschuhen einstieß und unsere Versicherung in Atem hielt. Der Junge, der mich als Schlampe beschimpfte, weil ich ihm Grenzen setzte, der Junge, der plötzlich sein eigenes Ding machte. Ganz ruhig und unauffällig. Mein Junge, der mich gestern anrief und mir stolz mitteilte, dass er seinen Batchelor hat und für’s erste fertig ist. Mein Junge.

Durchhalten und Glauben hat etwas Mystisches. Das weiß ich jetzt.

„Verfasst am 25.01.2005 10:58:31 Uhr
Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung....

Und dann ging alles ganz schnell.
Ich stand mit meiner Tochter an der Küchenvorrichtung und flechtete ihr die langen Haare. Sohn Zucker saß am Tisch und frühstückte. Vor ihm eine große heiße Tasse Kindertee, er schiebt sie zu sich ran, bleibt mit dem Zeigefinger im Henkel hängen und die gesamte heiße Ladung ergießt sich auf seinen Schoß. Ich drehte mich um, weil ich das Geschirr scheppern hörte, er schaute mich geschockt an, es dampfte noch nach und als mein Gehirn endlich registriert, was geschehen war, nahm ich den Großen hoch, setzte ihn in die Spüle und kühlte seine Klamotten und die Haut mit kaltem Wasser. Dann ging es ab ins Badezimmer. Ich zog ihn aus, und sah mit Erschrecken die Verbrennung. Ich setzte ihn in die Badewanne und stellte die Dusche an, Stöpsel rein und danach ab ins KH. Die dicke Jeans und das kalte Wasser haben zum Glück das Schlimmste verhindern können. „Nur“ Verbrennungen ersten Grades. Eine Brandsalbe nimmt ihm den Schmerz, und er darf sofort in die Schule. Die Reaktion meines GG war typisch, während er sich das Szenarium anschaute meinte er später nur: „Du musst in Zukunft mehr aufpassen.“ Ich hingegen bin froh, daß er nicht wie so oft nur in Unterwäsche dort saß, oder im Schlafanzug, denn der Arzt im Krankenhaus meinte, dass er verdammt viel Glück gehabt hätte.

Draußen schneit es schon wieder. Und für mich bedeutet das, zu Hause zu bleiben. Egal, dann beschäftige ich mich eben inhäusig. Wenn solche Dinge wie heute morgen passieren, dann wird mir immer bewusst, wie viel Vertrauen die Kinder doch in mich setzen. Er ließ alles was ich machte über sich ergehen, und schaute mich immer an, direkt in meine Augen, stellte mir Fragen, und ich versuchte ruhig zu bleiben und meine Angst nicht zu zeigen, erklärte ihm, warum er jetzt im kalten Wasser sitzen bleiben müsse, und als ihm zu kalt wurde, trocknete ich ihn ab und wickelte ihm ein nasses kaltes Badetuch um den Unterleib. Alles ging so schnell, und mir kam es wie eine Ewigkeit vor. Als er wieder nach Hause kam, meinte er: „Mama, du hast alles richtig gemacht, das hat der Arzt gesagt. Woher weißt du solche Dinge?“

GG hingegen sprach ab da kein Wort mehr mit mir. Ich lege die Tatsache mal in die Akten „Überfordert“ und mach mir ausnahmsweise keinen Kopf, auch wenn ich mal wieder indirekt seine Terminplanung durcheinandergebracht habe.

Jetzt ist es gleich 11.00 Uhr, alles ist noch ruhig, es schneit und ich koch mir noch n Kaffee und rauch mal eine.“

Vierzehn Jahre später fliegen so unglaubliche Gefühle durch meinen Körper. Und ich lass sie endlich zu. Sie sind einfach fast zu schön, um wahr zu sein.