Freitag, 28. Juli 2017

Freitag



„Was hast du gemacht?“ Ich spüre Olgas Blick auf meinem Rücken, während ich mit meinem Gesicht leicht gequetscht auf der Massageliege krampfe. „Autsch, keine Ahnung, warum?“ „Du hast dir eine Rippe leicht ausgerenkt.“ Ich atme tief aus und bin froh, dass die Schmerzen keine Herzattacke sind. „Ich habe gestern von neun bis einundzwanzig Uhr gearbeitet, bin um zweiundzwanzig Uhr 70 km durch Nacht und Nebel zum Flughafen gefahren, um Püppi abzuholen und war um halb drei im Bett.“ „Zucker, das ist nicht gut.“ „Ich weiß.“

Jetzt bin ich für ein paar Tage stolze Besitzerin eines bunt gemixten Tapes.

Eigentlich sollte der Tag ganz anders aussehen. Ich hatte gefühlte dreißig zum Abschied eingeplant, wäre nicht falsch auf die Autobahn aufgefahren, und hätte mich angenehmen Dingen widmen können. Doch in einem Familienbetrieb kann das schon mal daneben gehen. Und wenn man jetzt ganz euphorisch meint,  dass die Autobahn zu nächtlichen Zeiten frei ist, falsch gedacht. Ich fuhr mindestens 40 km im stockenden Verkehr, weil irgendwelche Schwerlasttransporte die gesamte Fahrbahn einnehmen.

Und so wird aus gefühlte dreißig ganz schnell gefühlte sechzig und man will das nicht, aber man hat auch nicht das Rezept etwas dagegen zu tun. Und eigentlich würde man sich genau jetzt darüber dermaßen aufregen, und wie ein HB Männchen ausflippen, bis man feststellen muss, dass man selbst dazu nicht mehr in der Lage ist, weil man einfach zu müde ist.

Und dann meldet sich der Verfolgungswahn, und man denkt, die wollen mich fertig machen, und der Gatte erzählt, dass er alles geregelt hat, im Falle dass ihm etwas passiert, und ich glaube ihm kein Wort, weil mich die Schizophrenie eines besseren belehrt und ich mir absolut sicher bin, dass das alles nach Plan ausgeführt wird und ich keine Chance habe.

Es fühlt sich an, als wenn man in einem Riesenrad sitzt, für einen Moment die Fahrt genießt, und dann, ganz oben angelangt, verkeilt sich eine nicht gut eingeschraubte Schraube, das Rad bleibt stehen, der Motor läuft verdächtig heiß, fängt an zu qualmen, fängt Feuer. Und man sitzt da oben, gefangen in dieser kleinen Gondel, und man weiß, dass man niemals rausklettern wird, weil man doch diese schlimme Höhenangst hat und förmlich spürt, wie sich die Schweißperlen auf der Stirn bilden, bei dem Gedanken, runterzuklettern. Die Flammen steigen höher, bis sie schließlich mit ein Auslöser für die Schweißperlen auf der Stirn sind.

Man hört die panischen Schreie der anderen Menschen, schaut hinunter und sieht, wie sich die Familie langsam mit Zuckerwatte vom Rummel entfernt. Und dann wird mir bewusst, dass sie  niemals wirklich da waren. Und weil so ein Riesenrad so verdammt beschissen hoch ist, kann die Feuerwehr ihre Leiter auch nur zu einem Drittel hochfahren. Und alle in diesem Drittel werden gerettet, und ich werde zu hoch sein. Einfach zu hoch.

Und dann habe ich nur noch einen Gedanken: Auf dem Ast fühlte sich das Ungleichgewicht beinahe an wie Fliegen.

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