Sonntag, 30. April 2017

Sonnag


 

Mein Kirschbaum verblühte just in der Zeit, als ich in Mailand war. Manchmal ist das eben so. Dann ist man nicht an dem Ort zur rechten Zeit. Die Wochen vergehen und vergehen und ich ertappe mich immer mehr dabei, auszureißen. Einfach fort. L'ami français schickt mir tolle Fotos vom Atlantik und wunderschöne Buchstaben. Meine Erinnerung wird angekurbelt, ich packe in Gedanken einen Koffer, so wie damals, mit einem kleinen Zelt und viel Kraft und Abenteuerlust auf 1200 km. Und das alles still und leise, weil es ein Geheimnis ist. Ein kleines Geheimnis nur zwischen uns Zweien.
 
An manchen Abenden telefonieren wir. Ich freue mich, dass er so gut deutsch sprechen kann, so kann ich ihn verstehen. Ich liebe den französischen Akzent in seinen deutschen Worten. Meine Träume sind völlig konfus in den letzten Nächten. Eigentlich ist alles ein bisschen aus meinen wohlgeformten Fugen geraten. Ich tue mich sehr schwer, zu sortieren. Meine Gedanken haben sich einfach selbständig gemacht und zeigen mir den Mittelfinger. Und dann hock ich da auf meinem fertigen Koffer und habe keine Ahnung wohin die Reise hingehen soll.

Mutter weiß von nichts. Und dann sitzt sie da, ohne ihr Hörgerät mit der Brille auf der Nase und meint : «  Kind, du siehst so müde aus. Es wird Zeit dein Leben zu ändern. »

Ja, klar, denke ich. Und dann ? Dann sitzt ihr da und fragt euch, warum hat denn das kleine unscheinbare Wüfelzucker einfach so ihr Leben geändert.

Für die Kinder wäre das ein absolutes Desaster. Irgendwie werden die immer älter, wollen aber gar nicht so eine typische Abnabelung, wie man es sich mit fast 50 als Eltern wünscht. Man hat schließlich genug Windeln gewechselt, Wunden verarztet und Läuse aus den langen Haaren entfernt.

Ich versuche mich, auf meinem gepackten Koffer sitzend, zu bändigen und einfach abzuwarten, was die Zeit so mit sich bringt. Auch mit der Gewissheit, dass hier etwas ganz außergewöhnliches passieren wird, weil mich noch niemals so sehr aus dem Gleichgewicht gebracht hat, wie das jetzt.

"Vielleicht verfahre ich mich auf dem Weg zur Arbeit mal, zum Beispiel ans Meer."





 
 

Montag, 17. April 2017

Montag

Bonjour.



Wir sitzen auf einem großen Balkon, irgendwo in Mailand und trinken italienischen Wein, essen Parmaschinken mit Salzkräckern und ich drehe uns eine Zigarette. „Was in deinem Leben hast du wirklich bereut?“ Anna schaut mich an und prostet mir zu. Ich überlege gar nicht lange, denn eine Sache gibt es da wirklich. „Dass ich 1991 nicht Silvester, wie geplant in Paris verbracht habe. Mit diesem charmanten Franzosen, den ich im Sommer kennen gelernt hatte, am Atlantik.“ Während ich das erzähle, wandern die Bilder vor meinem Auge. Wie frei wir waren, wie warm, der Atlantik. Dieser schöne junge Mann. Es ist 26 Jahre her. Anna lacht.

Am Freitag landen wir wieder in Deutschland. Es ist arschkalt. Am Samstag arbeite ich.  
Es graut mir davor die E-mails zu checken. Zu viel Spam. Und dann. Zwei neue Nachrichten . Meine Freundin aus der Grundschule gratuliert mir nachträglich zu meinem Geburtstag und der junge Franzose hat mich angeschrieben. Nach 26 Jahren. Auf einem Portal, in dem ich mit Mädchennamen gemeldet bin. Er hat mich gesucht und anscheinend gefunden.

Sind es nun die Gedanken, die uns zusammen führen. Ist es Zufall. Schicksal. Was es auch ist, es ist aufregend. Besonders. Ich muss zu sehr an ihn gedacht haben. Ich habe ihn dieses mal nicht ins Leben geschrieben, sondern ins Leben zurück gedacht. Wie einfach so ein Universum funktionieren kann, wenn man den gedanklichen Schlüssel gefunden hat.

Es ist spannend und es wird französisch. Ich habe ihn überall eingebaut. Mein Nachbar mit dem französischen Akzent zum Beispiel. Es ist grandios, wie Gedanken den Buchstaben auf die Beine helfen und das Schicksal positiv beeinflussen. Ich kann es immer noch. Er ist wieder da. Einfach so. Danke.

Gerade sehr glücklich und ja, ja viel Arbeit. Aber das ist auch nur ein kurzer Zeitstrang der dann irgendwann wieder übersichtlich wird und mit einem Bleistift einfach gekappt wird.

https://www.youtube.com/watch?v=4nPzGfv4Al4

Sonntag, 2. April 2017

Sonntag



Sobald ich mit meinem Gatten wieder emotional etwas enger zusammenrücke, sei es durch die Arbeit oder durch die Kinder, werden meine Ängste aus der Vergangenheit wieder wach gerüttelt. Ganz plötzlich. Dann erwacht wieder der Verfolgungswahn aus seinem Verdrängungsschlaf und ich könnte Amok laufen. Meine freien Tage habe ich immer noch nicht in den Griff bekommen.

Heute ließ mich der Gatte mit einem jungen Landsmann seinerseits Auto fahren üben. Klar hat er einen Führerschein, aber Praxis gleich null. Während wir erst einmal auf einem großen Parkplatz übten, und das ging ziemlich gut, ließ ich ihn im Straßenverkehr fahren, bis ich mit Schrecken feststellen musste, dass der junge Mann die Straßenverkehrsregeln nicht kennt, geschweige denn die Schilder einordnen kann. Nach einer schweißtreibenden Stunde, fuhren wir wieder zurück. Der Gatte meint wohl, dass ich Lebensmüde bin, denn er meinte, wir sollten jetzt jeden Tag fahren. Nein, ICH soll jetzt jeden Tag mit ihm üben.

Ansonsten kleckern die Minuten so vor sich hin, die Tage vergehen rasend schnell und ich kämpfe mit mir und mit mir und mit mir. Also gegen Windmühlen.

Dass ich meine Arbeitszeiten etwas verändert habe, hat vermutlich dazu beigetragen, dass es mir physisch besser geht. Das sagen zumindest die Blutwerte. Yes.
Da hat mein Gehirnwartungsexperte ganze Arbeit geleistet.

Spruch: „Die Einsamkeit wäre ein idealer Zustand, wenn man sich die Menschen aussuchen könnte, die man meidet.“
Farbe: gelb
Zahl: 9
Musik:  Der letzte Blick Xavier Naidoo