Dienstag, 1. November 2016

Dienstag

„...Ich wusste nicht, dass du an dieser Stelle auch weinst.“
Wir sitzen an meinem verhunsten Küchentisch, bei Wein und selbstgedrehter Zigarette und sie sieht müde aus. Dicke Ränder umschmeicheln ihre blauen Augen und für einen Augenblick denke ich an ihre zarten Schamlippen, die ich vor vielen Jahren in die unendliche Lust liebkoste. Auf einer ziemlich abgefahrenen Party. Man sollte meinen, dass es mit dem Alter leichter wird. Fehlentscheidung. Es wird härter. Doch, versichere ich ihr, im Gänsefüsschenmarsch, wird es uns gelingen. Ich habe es ausprobiert.

Auch ich bin müde. Müde von den unendlich nicht fruchtenden Erziehungsmethoden der pubertierenden Göre, die ich stündlich foltern und mit Brot und Wasser einsperren könnte. Müde von dieser Ungewissheit im Job, obwohl ich ja längst für mich entschieden habe. Aber ich ermutige mich mit der Zeit, die ja niemand wirklich hat, und denke, es kann nur besser werden.

Anna drücke ich zum Abschied und spüre ihre vollen Brüste an meinen, gebe ihr einen Kuss auf den Mund und versichere ihr, dass wir das durchstehen, weil wir uns doch haben. Die Sauna wartet und alles wird wieder. Ganz sicher. Und all die Ängste fliegen fort, die Kids kriegen ihr vorlautes Gemaule gestopft und wir werden fliegen. Ohne Schmerzen.

Und dann denke ich an diesen sündhaft schönen Schrank, den ich gesehen habe. Ich will ihn.
Er ist so schön wie Sterben.
Und „...Ich wusste nicht, dass du and dieser Stelle auch weinst.“ Aber es tut so gut, weil es so echt ist und ich doch nicht wissen kann, wann ich wieder so sehr weinen kann, wie gerade.
Und wo bleibt eigentlich das Verlieben? Dinge die ihren Platz im Leben fast schon verloren haben.

Kartoffelsalat.



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