Sonntag, 24. Juli 2016

Sevim



Ich habe mir ein paar Tage Urlaub genommen. Urlaub bedeutet für mich, Zeit zu nehmen. Zeit zu nehmen für Familie, Freundinnen und Freunde. Ich kann die Zeit steuern, ich kann ausschlafen, ich kann essen wann ich will. Urlaub eben.

Mittwoch war Gattentag. Donnerstag war Vater an der Reihe. Wir tranken Kaffee und unterhielten uns. Lange. In der warmen Sommersonne auf seiner Reihenhaus gepflegten Terrasse. Freitag war Chris Tag. Meine mit Abstand beste Nobelprostetuierte auf diesem Planeten. Gestern dann war Anna Tag. Die sündhaft schönredende Psychologin, die mich immer wieder zum Schmunzeln bringt, weil wir nach jedem gemeinsamen Beisammensein immer gleich ein Drehbuch parat haben. Für Dinge die die Welt nicht glaubt.

Heute dann habe ich meine einzige und längste türkische Freundin besucht.
„Soll ich meine Schuhe ausziehen?“
„Ja klar, wenn du magst habe ich Hausschuhe für dich.“
„Danke, nein, es ist eh schon so warm.“

Wir sitzen in ihrer dreieinhalb Zimmer Wohnung. Ihr Mann ist vor neun Monaten gestorben. Sie ist 52 Jahre alt. Sieht aus wie 42.
„Ich habe gekocht für uns. Habe auf dich gewartet. Komm.“
Wir decken den Tisch im kleinen Fernsehzimmer. Es gibt kalte Joghurtsuppe, echt super lecker. An diesem heißen Tag. Eingerollter Reis mit Paprika und Chili in Weinbergblättern. Selbstgebackenes Brot mit Ei und selbsteingelegte Gurken. Ich probiere alles. Lecker.

Sie zeigt mir selbst bestickte und mit Spitzen genähte Handtücher. Ich schäme mich für einen Moment, dass ich das gar nicht so in mein Leben gelassen habe. Oma hätte mir das sicher beibringen können.
„Sag mal, hast du auch diesen Rosenkranz zum Beten?“
Sevim schaut mich mit einem Fragezeichen an. „Nein, was meinst du?“

„Ich meine diese Perlenketten, mit denen die alten Männer im Park sitzen und sie durch die Hände schlängeln lassen.“
„Ah, ja ich weiß was du meinst.“ Sie holt eine herzförmige Kiste mit vielen unterschiedlichen Misbahas. Suche dir eine oder zwei aus, wenn du magst.“ Ich mache das, weil mich die Berührung beruhigt.

Wir reden über Religion, über den Krieg, über das Leben. Sevim versichert mir, auf ihrem schönen Balkon sitzend, dass der Koran nicht vorschreibt: Du sollst deine Nächsten töten.

Zum Abschied trinken wir türkischen Kaffee. Lecker. Kurz vor der Verabschiedung schenkt sie mir türkischen Wachs, zum Haarentfernen. Das nehme ich dankend an, denn ich kenne es schon aus dem Urlaub. Sevim und ich verbrachten vor zehn Jahren gemeinsam Urlaub in Italien. Warum? Weil wir Freundinnen sind, warum sonst?

Drei Küsse zum Abschied. Ich fahre mit drei schönen Misbahas nach Hause und frage mich, was um Himmels Willen ist denn eigentlich das Problem?

Am Abend muss ich mein Kind beruhigen, weil sie morgen nach Hause fliegt und panische Angst hat. „ Das passt schon, wir werden uns morgen in Weeze sehen und gemeinsam nach Hause fahren.“

Ich habe mich verleibt. Blöd. Das.

Montag, 11. Juli 2016

...



Ich zähle die Tage bis zu meinem Urlaub. Ab September sind wir nur noch zu dritt. Wir arrangieren uns im Büro und ich fühle mich nicht mehr so allein. Bis September. Abwarten.

Auch ab morgen sind wir familientechnisch wieder zu dritt. Die beiden Großen werden mit dem Auto den Weg in Richtung Süden antreten. Da lobe ich mir den Außendienst, denn dann bin ich abgelenkt. Ansonsten würde ich mir viel zu viel Sorgen machen, ob sie gut mit dem Auto unterwegs sind. Mach ich zwar sowieso, aber eben nicht im Sekundentakt.

Mittwoch einen schönen, spontanen Abend mit Kaffee und dem Alphabet im Büro gehabt. Weil der Asphalt von dort doch so gut zu erreichen ist.

A zieht in seine alte neue Wohnung. Dort wo vor zehn Jahren alles begann. Einladung zum Erdbeerkuchenessen.

Der neue A scheint sich langsam aus dem Geschehen zu ziehen. Ganz gut. Bei ihm war Verlieben vorprogrammiert. Aus der Nummer wäre ich schlecht wieder raus gekommen.

Und auch der Kleine wird ruhiger. Gefühlte dreißig nimmt langsam ein Ende. Auch ok. Ich wünsche ihm endlich eine Frau, mit der er eine Familie gründen kann.

Gestern die Nägel dunkelrot lackiert. Warum? Es ist Sommer.

Aber am allerbesten ist: Die Blutwerte haben sich in den Normalbereich katapultiert. Ich scheine in all dem Alltagschaos zu gesunden.