Freitag, 27. Mai 2016

Begegnungen




Montag: Ich kenne den Ablauf eines Ganzkörper CT. Nachdem ich mir den zweiten Liter Wasser-Kontrastmittel eingetrichtert habe, zuvor abführen musste, zitiert mich eine hagere Blonde zum Behandlungsraum. Sie rattert die Risiken ab, ohne auch nur mit einem Wimpernschlag. Kein Lächeln. Hager steht sie vor mir. „Haben sie das verstanden?“ „Ja.“

Sie legt den Zugang. Nach der Behandlung muss ich mit Zugang, das sind jetzt die Vorschriften, warten.

Nach einer viertel Stunde kommt sie zu mir. Lächelt sie mich an? Denke ich. Ja sie lächelt. „Ich ziehe jetzt ihren Zugang. Das könnte etwas weh tun.“ „ Nur zu, ich hab schon ganz andere Dinge über mich ergehen lassen.“

Sie reicht mir die CD, wünscht mir alles Gute und ich gehe arbeiten. Ob die noch müde war, am frühen Morgen? Egal.

Dienstag: Ich fahre zum Kunden. Ich habe für ihn erarbeitete Unterlagen auf seinen Stick gezogen, OHNE, dass sie mein Chef abgesegnet hat. „Warum bekomme ich diese Unterlagen nicht von Ihrem Chef?“ „Er hat im Moment viel um die Ohren. Aber sie sollten damit arbeiten. Verraten sie mich nicht.“ „OK. Versprochen.“

Mittwoch: Anna ruft an. „Ich fliege Samstag in den Urlaub. Kannst du mich zum Flughafen bringen?“ Klar. Mach ich und ich wünsche ihr tolle Begegnungen, nachdem ihr viel zu junger Lebensabschnittsgefährte sie so sehr verlassen hat.  

Am frühen Abend dann eine SMS: Magst du vorbeikommen? Ich habe das Gefühl, dass die Raupen längst zu Schmetterlingen geworden und schon ausgeflogen sind. Ich puste den Verstand in die Weite und sage zu.

Es ist ein schöner Abend. Mit Lachen. Mit ein wenig Wein. Mit flüchtigen Berührungen. Mit zurückgeflogenen Schmetterlingen. Mit Frühling und Küssen.
Bis drei Uhr Morgens. Ich fliege nach Hause zur weißen Lady und stelle fest, dass niemand meiner Familie da ist. Schlafen.

Donnerstag: Mein Verstand ist im Eisfach. Wir sehen uns wieder, wühlen uns durch Schallplatten und hören Musik der achtziger. Ich wunder mich. Wunder mich über die Frauenzeitschriften, das Frauenparfum, warum weiß der nicht, wo der Korkenzieher für die Weinflaschen ist, obwohl er an Weinleergut genug da stehen hat? „Kuscheln?“ „Ähm, ne, ich muss nach Hause. Hab morgen volles Programm.“
Kurz bevor ich gehe, teilt er mir mit, dass am Sonntag seine Freundin aus dem Urlaub wieder kommt. „Bingo“ Manchmal frag ich mich, warum ich nicht genauso viel Glück im Lotto habe.

Freitag: Knochenszintigramm. Ich fahre morgens zum Krankenhaus und suche fast schon hektisch in meiner Tasche nach  Taschentüchern. Ich bin verletzt. Traurig. Er hat mich belogen. Ich heule den Weg zum KH und wische mir die Tränen aus dem Gesicht. Fuck. Wie kann man mit fast fünfzig darauf reinfallen? No idea.

Die Dame in der Strahlenabteilung ist nett. Ich mag sie auf Anhieb.

Und so überlebe ich auch das Knochendingsbums und alles andere erfahre ich dann am nächsten Donnerstag. Es ist mir mittlerweile egal, was rauskommt. Ich fühle mich so müde und so allein. Also. Shit happens.

P.S. Besagter bester Freund rief an, während ich in Behandlung war.
Ich rief danach zurück. „Du musst mir eine Mail rausschicken.“
„Du, ich bin gerade aus der Behandlung. Ich glaube ich fahre jetzt nach Hause.“

Außer meiner Kinder, hat niemand nach meinem Wohlbefinden gefragt. Schade.

Dienstag, 17. Mai 2016

A.



Anna sah es mir sofort an. „Zucker, was ist passiert, erzähl.“ Ich rollte mit den Augen und holte mindestens drei Mal tief Luft, bis ich überhaupt in der Lage war, mit einem auch nur Ansatzweisen klaren Gedanken, zu erzählen. „Nichts Besonderes.“ Sie lachte laut. „Ich glaube dir kein Wort.“ „Weißt du, wir Menschen sind so hoffnungslos überfordert, wenn Dinge passieren, die wir so gar nicht erwarten.“ Ich saß ihr gegenüber und wusste nicht, ob ich darüber nachdenken sollte, oder den Kopf schütteln sollte. Ich hatte einfach keine Erklärung, und das Herz schlug bei dem Gedanken bis zum Hals, der Bauch fuhr Achterbahn, der Verstand schüttelte ungläubig den Kopf. „Zucker, das Leben ist bunt. Drehst du mir noch eine Zigarette?“ „Klar.“

Während der Arbeit denke ich darüber nach, wie lange es her ist. Dieses Gefühl in der Blutbahn, zu leben, ein Lächeln, wenn man an jemanden denkt, ein Kribbeln im Bauch, dieses Gefühl begehrt zu sein, mit all dem, was man ist. Zehn Jahre. Was für eine lange Zeit. Es wird Zeit, denke ich. Ja.

Ich gehöre in den Frühling, weil ich Lust auf küssen habe.

Samstag, 14. Mai 2016

Wochenrückblick



Es ist eine Menge unvorhergesehenes passiert. Es fing Anfang der Woche an, und endete heute mit einem krönenden Abschluss. Fazit: Ein Schmetterling ist ein Schmetterling und gehört nicht in den Bauch. Punkt. Anfang der Woche musste Püppi ins KH. Akute Blinddarmentzündung. Dienstagmorgen lag sie unter dem Messer. Donnerstag wurde sie entlassen. Ich verbrachte also Montag bis Donnerstag damit, die weiße Lady zu versorgen, arbeiten zu gehen, Püppi im KH zu besuchen und das was sonst noch so anliegt, zu bewältigen. Dank Ella, der tollen Nachbarin, gelang mir das auch alles. Zwischendurch führte ich Telefonate mit der Prinzessin, die vor Heimweh fast umkommt, oder aber Himmel hoch jauchzend von ihren Dates in Italy erzählt. Freitag der 13. war dann auch für mich Freitag der 13te. Morgens Besuch bei meinem Lieblingsarzt. Ich sollte mehr mit den Blutwerten schimpfen als mit meinen Kindern. Ungereimtheiten gepaart mit Auffälligkeiten befördern mich mal wieder ins CT und danach gibt’s noch ein Knochenszintigramm. Danke sehr.
Abends feierte ich dann aber den Geburtstag meines Lieblingsonkels. Bis 21:00 Uhr. Dank der Knochenschmerzen und der Tatsache, dass ich heute arbeiten musste, fuhr ich nach Hause, nahm eine heiße Dusche und ging schlafen. Ja. Und. Dann. Ganz plötzlich ist die Nacht rum. Der Wecker schreit:“ Samstag, Zucker, steh auf!“ Ich quäl mich in meine Arbeitsklamotten. Der Gedanke, dass ich den ganzen Tag einen Helm tragen muss, bereitet mir jetzt schon Kopfschmerzen.

Helm-SchuhemitStahlkappen-Warnjacke-und-dann-ganz-plötzlich-Schmetterling

Autsch

 https://www.youtube.com/watch?v=i2eoN3-umY8

Sonntag, 8. Mai 2016

Sonntag



Trotz der Knochenschmerzen konnte ich die letzten Tage ganz gut genießen. Ich habe einmal wieder mehr gespürt, wie meine gesamte Familie doch hinter mir steht. Ein gutes Gefühl ist das. Endlich mal wieder an einem Grillnachmittag bei meinen Eltern, mit allen die dazu gehören, eine Menge gelacht und geträumt. Und heute dann einen dicken Blumenstrauß zu Muttertag von meinem Mann bekommen. Ich kann mich endlich wieder darüber freuen, habe ich in den letzten Monaten gelernt, meine negativen Gedanken etwas im Zaum zu halten. Am Freitag muss ich wieder zu meinem Lieblingsarzt. Ich hoffe innerlich, dass die Blutwerte schlummern und im Normalbereich sind, auch wenn die Schmerzen etwas anderes ankündigen. Egal. Es wird irgendwie weitergehen. Anfang Juni kommt die Prinzessin endlich wieder nach Hause. Dann ist die Familie wieder komplett.

Gedanken.

Ich habe nichts zu verlieren, ich kann ja nur gewinnen. Alles Materielle hat keinen Wert, wenn es der Seele schlecht geht.

Donnerstag, 5. Mai 2016

Benehmen und Manieren

"Es gibt keinen Weg, um Kotzen zu einem Akt der Höflichkeit zu machen. Es bleibt nur, so zu kotzen, dass man später eine lustige Geschichte drüber erzählen kann."


Sonntag, 1. Mai 2016

Manchmal...



Ich hatte mich die Woche erfolgreich mit einem berechtigten Krankenschein zurückgezogen. Und nachdem mir Elli am Freitag bei der Physio, den vom Orthopäden vergessenen Brustwirbel einrenkte, war ich dann am Samstag wirklich schmerzfrei. Gegen frühen Abend ging ich zu Anna, ihr Sohn wurde 22 Jahre alt und ich musste und wollte gegen 21:00 Uhr den Ort des Geschehens verlassen, weil mir die Gespräche einfach schwer auf den Schultern lagen. Und die weiße Dame musste raus. Ich weiß nicht, ob es an mir liegt, oder, keine Ahnung. Aber es geht einfach nicht. Seit sie verlassen worden ist, scheint sie wieder die Anna von damals zu sein. Und diese Anna wirkt so rechthaberisch und allwissend mit einer traurigen und missmutigen Mimik. Ich vermisse ihre Fröhlichkeit.  
Bevor ich zu Anna ging, rief mein bester Freund mit Firmennummer an. Ich sah, dachte und rollte die Augen. Nicht dass er was Berufliches an einem sonnigen Samstag hat?
Falsch gedacht. Ausnahmsweise, und das kommt seit ein paar Monaten sooft vor, dass ich die Tage im Kalender rot anstreiche, wollte er einfach nur nachfragen wie es mir geht. Seine Liebe war derweil gerade mit Kind unterwegs und so war er allein. Gut. Gut ginge es mir, meinte ich und wir plauderten seit gefühlten Ewigkeiten endlich mal wieder über dies und das. Bis sie kam. „Tschüss, Hase, schlaf schön.“ Flüsterte er in den Hörer, dann legte er auf.

Hat mich trotzdem gefreut.

Heute rief meine Mutter an. Manchmal denke ich, ich kann die Telefonate nur mit genug Wein vertragen. Fazit des Gespräches:

Der Gatte und ich müssen unbedingt die Geldnotbremse für den gesamten Nachwuchs ziehen, ansonsten wird das nix mehr mit dem Nachwuchs.
Um alles etwas harmloser erscheinen zu lassen:“ Kind, wir Eltern machen alle Fehler.“

Mama, ich weiß das doch. Aber der Gatte nicht.

Farbe: grün
Momentaufnahme: Keine Schmerzen
Gedanke: Morgen um 6:00Uhr klingelt der Wecker. Ich mag nicht.
Blitzgedanke: Ich will verreisen: Nach Schweden.