Donnerstag, 28. April 2016

Omi's



Karten lügen ja nicht.
Wenn ich es schaffe, dann besuche ich die Oma ein Mal die Woche in ihrer kleinen überschaubaren Sozialwohnung. Sie fühlt sich wohl in dem Hochhaus, in dem sie seit Ende der fünfziger Jahre wohnt. Mittlerweile ist sie die älteste Mitbewohnerin, alle anderen sind weggestorben und so wurden die Wohnungen meist von jungen Familien bezogen. Der Russin, ihre Nachbarin, hat sie ihren Hausschlüssel gegeben. Sie putzt ihr die Treppe mit und schließt mir auf, wenn Oma mal wieder die Klingel nicht hört. Die junge Marokkanerin in der Wohnung über ihr, kocht ihr manchmal etwas mit. Die polnische Familie geht hin und wieder für sie einkaufen. Die Deutsche, ungefähr 20 Jahre jünger und alleinstehend, lädt die Oma immer zum gemeinsamen Kartenspielen ein.

Letzte Woche war es wieder soweit. Oma besorgte frische Brötchen beim Bäcker nebenan, und ich machte mich nach der Arbeit auf den Weg zu ihr.
Wir trinken dann gemeinsam Kaffee, essen, schnuckern und ich höre ihr zu, wenn sie über die Vergangenheit spricht. Dann redet sie davon, als sie klein war, ihr Vater immer für sie da war, bis die Nazis ihn wegen Verrates eines Nachts abholten. Wie stolz sie war, dass sie in der Hitlerjugend die beste beim Handball war. „Wir trugen schwarze Hemden und weiße Hosen und während eines Sportwettkampfes mussten wir die Eröffnung darstellen. Jeder hatte eine bestimmte Aufstellung, und von der Tribune aus konnte man dann das Kreuz erkennen.“

Mein Uropa, ihr Vater, starb im KZ, und sie hatte ihn nicht wiedergesehen, nachdem sie ihn des Nachts geholt hatten. Da war sie sechs Jahre alt.

Irgendwann muss ich sie langsam bremsen, denn die Eindrücke, die sie so genau schildert, kann ich gar nicht so schnell verarbeiten. Dann stehe ich meistens auf, gehe zu ihrem Wohnzimmerschrank und hole die Karten raus, nehme ihre Brille mit und sie fängt an zu mischen.

Dieses Mal sind mir zwei Dinge im Kopf geblieben.
  1. Ich komme zu viel Geld und habe in Zukunft eine beständige Arbeit.
  2. In meinem Blatt liegt eine falsche Liebe, die jedoch nicht mich persönlich betrifft.


Ab morgen werde ich das erste Mal Lotto spielen.
Ich überdenke noch mal die launenhafte Idee meinerseits zu kündigen.
Ich werde nicht mit ihm über seine Neue Liebe sprechen. Selbsterfahrung hat hier wohl mehr Sinn.

Es ist gut, dass ich kein Buch schreibe. Ich bin absolut nicht in der Lage einen Beitrag aufzubauen, der am Ende einen Aha-Gedanken springen lässt.

Dienstag, 26. April 2016

Gedanken...




....der weißen Lady:

Party. Ich bin nicht allein. Oma Würfelzucker ist zu Hause, weiß gar nicht warum.
<Frau Würfelzucker hat Rücken und ist seit Montag krank geschrieben. Ich weiß natürlich, dass das psychosomatisch ist, aber shit happens.>

Püppi ist zur Schule. Ich versuche es mal mit etwas seichtem Kratzen an der Türe. Mal sehen, ob sie öffnet. Nach zwei Sekunden bin ich bei Frau Würfelzucker im Bett und mache es mir gemütlich. Um zehn Uhr werden wir wach. Würfelzuckerchen bemerkt dass ich meine Days habe. Hoffentlich flippt sie nicht aus. Sie quält sich aus dem Bett, schaut mich an, und sagt:“ Stopp setz dich nicht.“ Zu spät. Ich habe sie gar nicht verstanden. Zehnter Blutfleck auf ihrem weißen Laken.
Der Morgen ist schön angenehm ruhig. Würfelzuckerchen hat sich einen Kaffee gekocht und wirkt zufrieden. Ich glaube sie hat im Moment echt Stress auf der Arbeit.
Ich weiß mittlerweile, dass ich mich kleinlaut mit einem „Wuff“ melden muss, dann zieht sie ihre Schuhe an, und es geht raus. Gegen Mittag zieht sie ihr Bett ab und verführt mich mit Leckerchen, weil ich so schlecht fresse. Die Mens ist blöd, ich habe keinen Hunger und muss mich ab und zu übergeben. Dann hat Würfelzückerchen eine Idee. Sie legt mir einen Babyschlüppi an, mit einem Loch für meinen Schwanz, lächelt mich an und meint, so blutest du mir nicht auch noch mein Sofa voll. Ich bin frustriert, weil ich an mein Frauchen denke, die in der Schule weilt. Aber Würfelzuckerchen ist lieb. Sie krault mich und wir spielen. Ich sehe ihr ihre Schmerzen im Rücken an, aber ich kann das nicht einordnen.
Gegen frühen Abend klingelt es. Es ist der Checker. Würfelzuckers Sohnemann.  Er mag mich nicht. Hat Angst vor mir. Ich weiß nicht warum. Aber er lässt die Türen auf. Und so rase ich in die Nachbarwohnung, die Katze erstarrt zu einer Salzsäure und ich futter ihr das gebliebene Katzenfutter weg. Break.
Würfelzuckerchen holt mich am Halsband wieder zurück. Und ich wundere mich über ihre Gelassenheit. Sie schimpft ja nicht.

Dann endlich ist Püppi wieder zurück. Ausgepowert von ihrem Kickboxen und Oma geht ins Bett.

Sonntag, 24. April 2016

Sicher...



.... hat alles irgendwie einen Sinn. Und es ist gut, dass man nicht immer weiß, wohin die Reise geht. Als ich vor acht Jahren meinen Mann räumlich verließ, zu dem Zeitpunkt gab es nur noch die gemeinsame Wohnung, die uns verband, hatte ich im Sinn, einen Weg zu finden, um harmonischer miteinander zu leben. Die Wohnung gegenüber auf gleicher Ebene bot sich dafür an, und nach einem gemeinsamen Gespräch willigte er ein, und ich zog rüber. Heute können wir wieder einander ertragen, gemeinsam Kaffee trinken, über die Kinder sprechen, und Familienurlaub machen. Der Freiraum galt also nicht neuen Partnern, sondern Privatsphäre. Die Kinder haben weder Mutter noch Vater verloren, oder mussten sich an neue Partner gewöhnen. Es ist nicht leicht, eine Ehe durchzustehen, wenn man nicht besondere Wege geht. Für die Außenwelt sind wir seit Jahren angeblich geschieden, und haben es eben einfach nicht gerockt. Aber was weiß denn schon die Außenwelt.
Im Dezember werde ich zum zweiten Mal Tante. Und ich gebe zu, ich weiß nicht, ob ich eine Tante hergebe, wie man sich eine Tante vorstellt. Mein Neffe bekommt ein Stiefgeschwisterchen. Und mal abgesehen davon, dass er eh schon sehr introvertiert ist, gerade voll mutiert zum Pupertier, ist es das erste Mal, dass ich mir ein wenig Sorgen um ihn mache. Meine Ex-Schwägerin kann ihn nicht loslassen. Und der Kurze hatte noch gedacht, dass das wieder wird mit seinen Eltern. Jetzt ist sein Traum geplatzt. Was jedoch nicht heißt, dass ich die neue Frau nicht mag. Ganz im Gegenteil, sie ist so ganz anders als die Ex. Vor zwei Jahren hätte ich fast meinen Bruder verloren. Kurz vor dem Selbstmord, ausgelöst durch eine schwere Depression, fanden meine Eltern ihn in seiner Wohnung. Die neue Frau hat er schließlich in der Kur kennengelernt. Macht irgendwie Sinn. Die Ehe mit der Ex war ja schon seit vier Jahren im Aus.
Vor sieben Jahren stieg ich wieder voll ins Arbeitsleben ein. Das gelang mir durch einen alten Jugendfreund. Die finanzielle Abhängigkeit von meinem Mann wollte ich nicht mehr. Dabei vergaß ich jedoch, dass ich die finanzielle Abhängigkeit dadurch nur verlagert habe. Das bekomme ich jetzt zu spüren. Macht Sinn. Also muss ich mich irgendwie gedanklich sortieren.
Der Preis zahlt sich nicht nur auf dem Konto aus, sondern auch in meiner physischen und psychischen Verfassung. Ich muss wieder lernen, zu entspannen, Gelassenheit und inneres Gleichgewicht zu finden. Die Grübeleien müssen schönen Gedanken weichen. Auch das macht irgendwie Sinn. Das schöne am Leben ist vielleicht, dass der Mensch in der Lage ist, niemals ausgelernt zu haben.

Heute Morgen rief mich meine Oma an. Ich war mal wieder in meinem Gedankenkarussell gefangen und von einem Lächeln ganz weit weg. Nach dem Telefonat ging es mir, ich weiß nicht wieso, wieder richtig gut. Es muss ihre Freude darüber gewesen sein, dass sie zum fünften Mal Uroma wird. Das hat mich einfach angesteckt. 


Montag, 18. April 2016

..



Farbe: Lila
Die Dame in weiß: Hat heute nicht gehört.
Arbeit: Eher heiter bis wolkig
Sozialkontakte: wenig...genug.
Angekommen: Der morgendliche Verkehr war eine Katastrophe. Ich musste die Scheiben am Wagen kratzen. Das Büro war scheißen kalt, weil die Heizung abgestellt ist. Aber sonst. Alles mäßig.

Sonntag, 17. April 2016

.



Die Freundin. Ich sagte gestern den „Frauenabend“ mit einer kleinen Notlüge ab. Jetzt ärgere ich mich, weil ich die Wahrheit nicht gesagt habe. Weil ich einfach keine Lust hatte, mit frisch getrennten, liebestraurigen Frauen den Abend zu verbringen. Weil ich mich derzeit aus meinem sozialen Umfeld so gut es geht zurückziehe, weil ich eben keinen Gesprächsbedarf habe.

Der Freund. Und ja, ich bin leider ein hochsensibler Mensch und spüre schon lange vorher, ob eine Situation sich zum positiven oder zum negativen wendet. Ich rede nicht viel, weil ich das nicht brauche, aber das gibt niemandem das Recht, meine Eigenart gleichzusetzen, Nicht-Verletzbar-Zu-Sein. Man kann sich nicht um andere kümmern, wenn man sein eigenes Leben nicht im Griff hat.

Ich muss mich zwingen, das Positive aus der ganzen Geschichte mitzunehmen. Eigentlich geht es mir besser. Mir wird bewusst, wie viel Energie mir dieser Mensch in den letzten Jahren entzogen hat. Immer unter dem Aspekt, dass ich ihm genauso wichtig bin, wie seine eigene Familie. Was mich allerdings nie so richtig erreicht hat, weil ich allgemein nicht daran glaube. Von 0 auf 100. Von 100 auf 0. Entweder ganz oder gar nicht. Dann muss ich mir doch die Frage stellen, was echte Freundschaft denn nun ausmacht. Ist es das Aushalten der Situationen, die sich entgegen aller Freundschafts- und Liebesbekennungen, genau zum Gegenteil gewandelt haben?

Wie leicht es ist, entstandenes Vertrauen mit einem Windhauch zu zerstören.

Die Gegenwart. Der Kirschbaum blüht, das Feld ebenfalls. Die Hundedame ist wohl derzeit das einzige Wesen, was die Gegenwart versteht und lebt. Wir Menschen tun uns da doch etwas schwerer.  

Donnerstag, 7. April 2016

..wieder da..



Als ich auf die dreißig zuging, feierte ich Party. Als ich auf die vierzig zuging, feierte ich auch ne Party und knutschte sogar fremd. Jetzt gehe ich auf die fünfzig zu. Ich werde wieder feiern, und mal sehen, wie sehr.

Es kitzelt im Gehirn, das bedeutet in der Regel Veränderung. Kurz gesagt, ich habe im Moment die Nase mal so richtig voll von meiner Arbeit. Fast sieben Jahre stehe ich morgens pünktlich um 6:00 Uhr auf und bin um 8:00 Uhr im Büro. Das ist ja alles kein Beinbruch, wäre da nicht dieses verzwickte zwischenmenschliche Verhältnis zu meinem Chef, der  auch noch mein bester Freund aus Jugendzeiten ist. Das einzige was ich mit maximaler Sicherheit sagen kann, ist, dass wir noch nie-nie-nie im Bett gelandet sind. Das zweite was ich mit Sicherheit über ihn sagen kann, ist, dass man es ihm genauso Recht machen kann, wie dem Osterhasen zu sagen, er solle am 24. Dezember den Weihnachtsmann spielen.

Und dann sitze ich so allein in meinen vier Wänden, die Kids sind wie immer außer Haus, und ich denke, warum Vollzeit? Selbstverwirklichung war gestern. Die Kinder sind groß, der Gatte hat sich nie auf Familienleben eingestellt. Meine Krankheit, ohne Namen hilft mir auch nicht weiter, das verdiente Geld schlucken zwei Pferde Namens: “Danke Mädels, dass ihr uns gerettet habt“. Und die Stallmiete hat den gleichen Wert, wie die Hochzeitssuite im Hilton.

Also. Es muss sich etwas ändern.

Nachtrag zu meinem letzten Eintrag: Meine schwarz-weiße Lieblingskatze musste letztes Jahr im Juli eingeschläfert werden. Dies hatte zur Folge, dass die Mädchen einen Hundewelpen retteten. Somit haben wir zumindest den Weiberbestand dieser Familie wieder ins Lot gebracht. Und die Hundedame hat sich sichtlich eingelebt.