Dienstag, 19. November 2013

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Wollten wir nicht gemeinsam einen Drachen steigen lassen? Im Oktober wollten wir gemeinsam den Drachen steigen lassen, im November wollten wir tanzen. Und bis vor zwei Stunden ahnte ich nicht, dass du jetzt tief und fest in einer Notoperation schlummerst und dein ganzes Vertrauen in die Hände der Ärzte geben musst. Hätte ich dir doch heute Mittag am Telefon schon gesagt, dass ich mit fahren werde in den gemeinsamen Familienurlaub. Aber ich konnte es ja nicht wissen. Was bleibt ist warten. Drei Stunden haben sie gesagt, drei Stunden, nachdem sie deinen Blutdruck stabilisiert haben. Ich werde warten. Auf dem Weg nach Hause höre ich Musik und weine unbemerkt meine Tränen in das Gaspedal. Ich mag die Mädchen nicht erschrecken. Auch sie sind ganz ruhig. Keiner sagt auch nur ein Wort. Ich denke darüber nach, womit ich heute meine Gedanken verbrachte. Es ist nichts gegen die Gedanken die ich jetzt habe. Alles wird so gnadenlos unwichtig. Und vor mir sehe ich die roten müden Augen meiner Mutter, die versucht, mit einem Lächeln die Gegenwart zu betrügen. So wie ich mit meinem schwarzen Humor, wenn wir zusammen sitzen und darüber reden, was jetzt wird, ob alles gut geht, wie es weiter geht. Gerettet werde ich dann in meinem Auto mit der Musik und den Tränen auf dem Gaspedal.

Sonntag, 17. November 2013

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Heute ist der erste ruhige Tag seit zwei Wochen. P.P. (pubertierende Püppi) scheint sich heute eine Auszeit genommen zu haben, was soviel bedeutet, dass sie mich nicht anschreit, keine Türen knallt und friedlich auf dem Sofa liegt. Ich hingegen könnte den ganzen Tag nur schlafen, morgen auch und den Rest des Lebens sowieso. Ein Familienburnout könnte man das nennen, aber ich habe eine neue Taktik entwickelt. Ich schiebe alles auf beginnende Wechseljahre. Das Leben ist schön. Hitzewallungen? Wechseljahre! Depressive Phasen? Wechseljahre! Unkonzentriertheit und bleiernde Müdigkeit? Klar Wechseljahre! Da ich in meinem Leben grundsätzlich nur halbe Sachen mache, ist das vermutlich auch nur eine halbe Sache. Also der Beginn quasi. So wirklich konsequent ist meine Inkonsequenz, die mich immer wieder ins Abseits katapultiert. In diesem Monat bedeutet das, dass ich pleite bin, und zwar genau jetzt in diesem Moment. Somit verschiebe ich ein paar anstehende Kosten in den nächsten Monat. Und nein, die Stromrechnung ist es nicht. Mit der Einstellung dieses Blogs fühle ich mich etwas überfordert, aber vermutlich sind das die Wechseljahre. Ab einem bestimmten Alter fehlt einfach jegliches Verständnis für die abstrakte Moderne. Ich sollte wieder malen. Und. Mehr lesen. Und vergessen. Bewusstes Vergessen ist ja legitim, nicht wahr? Ansonsten ist alles im rosa Bereich. Wer hätte das gedacht.

Freitag, 15. November 2013

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Hin und wieder kann Herzen ja ganz leicht sein, aber bevor das so einfach funktioniert, muss eine klitzekleine Weile ins Land ziehen. Und dann denkt man plötzlich über verlorenes Liebesleben nach, obwohl man doch mitten drin steckt und ein leichter Schlag mit der Handinnenfläche gegen die Stirn zwingt zu verstehen. Und so wird bevorstehendes Wechseljahrdenken ganz bunt und lustig, weil man zum einen die Gelassenheit in seiner Weisheit versteckt hat und zum anderen ja nichts mehr zu verlieren hat, denn statistisch gesehen stirbt jeder Zweite an Krebs oder einem Kreislaufkollaps. Und so gönnen mein Lieblingskollege und ich uns heute eine Stunde lecker Mittagessen beim Spanier und auf dem Weg zum Büro pinkel ich mir fast vor Lachen in die Hose, weil mein Lieblingskollege den spanischen Haselnusslikör nicht vertragen hat und mit hochroten Ohren und einem kurz vor dem Platzenden Gesicht durch die Gegend eiert. Und ich verstehe immer noch nicht, warum der eigentlich größer ist als ich, denn seine Oberschenkel sind fast nur halb so lang wie die meinen. Das haben wir mal ausgemessen, so aus reiner Neugier und weil ich ihn immer damit aufzog, dass er aussehe wie ein Playmobilmännchen. In jedem Fall hatte der spanische (nein nicht der Kellner) Likör noch mehr in seiner Trickkiste parat. Die 20% machten nicht nur rote Ohren, sondern auch müde. Wir mussten uns wach halten und entschieden uns für eine kleine Rückenmassage. Ein warmes Büro, ein gemütliches Sofa und zwei richtig gute Massagehände. Was will Frau mehr. Und jedes Mal wenn er mich massiert, streichelt oder einfach nur neben mir liegt und wir die Augen schließen, dann meine ich zu spüren, wie meine Krebszellen elendig krepieren, wie sie kotzen müssen in meinem Körper, wie sie sich grün verfärben und langsam abgetötet werden. Und ich weiß, dass er es auch weiß. Und ich merke, dass ich seinen Bluthochdruck etwas in den Griff bekomme, wenn auch er ein wenig runterkommt. Leben.